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29 Apr 20265 min

Automatisierung tötet nicht die Gastfreundschaft, sie tötet die Mittelmäßigkeit.

Die Krise im Gastgewerbe ist nicht länger eine Frage der Zahlen, sondern der Bedeutung. In seinem Vortrag lenkt Davide Bernasconi den Fokus von Arbeitskräftemangel auf Mitarbeiterbindung und zeigt auf, dass die Qualität der angebotenen Arbeit das eigentliche Problem darstellt. Technologie erweist sich in diesem Zusammenhang nicht als Bedrohung, sondern als Hebel, um Reibungsverluste zu minimieren, Zeit freizusetzen und den Beruf wieder zukunftsfähig zu machen. Nicht das Gastgewerbe an sich ist in Gefahr, sondern eine bestimmte Art und Weise, wie es ausgeübt wird.

 

Vom Arbeitskräftemangel zur Arbeitskräftebindung: ein notwendiger Paradigmenwechsel

 

Eine Krise, die nicht mehr nur zahlenmäßig messbar ist.


Ein Viertel der Beschäftigten, die nach der Pandemie die Hotel- und Gastronomiebranche verlassen haben, ist nicht bereit, in diesen Sektor zurückzukehren. Diese Zahl, die im US-Arbeitsmarktbericht festgehalten wurde, lässt keinen Raum für Interpretationen. Die Zahl der Stellenanzeigen ist im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie um 23 Prozent gestiegen, die tatsächliche Beschäftigung jedoch nur um 12 Prozent, wie das Bureau of Labor Statistics berichtet. In Europa gibt es 1,2 Millionen unbesetzte Stellen – ein Mangel, der sich in unsauberen Zimmern, geschlossenen Restaurants und eingeschränkten Serviceleistungen niederschlägt. Und selbst dort, wo die besten Nachwuchskräfte ausgebildet werden, wie beispielsweise an der École Hôtelière de Lausanne, entscheidet sich die Hälfte der Absolventen für andere Branchen, vom Luxuseinzelhandel über die Unternehmensberatung bis hin zu Finanzen und Vermögensverwaltung.

Diese Zahlen sind nicht nur Indikatoren, sondern offene Wunden, die zeigen, dass die Hotel- und Gastronomiebranche nicht länger als Chance auf Erfolg, sondern als ein Ort wahrgenommen wird, der Energie raubt, ohne ausreichend etwas zurückzugeben. Es ist nicht nur ein Problem des Arbeitskräftemangels, sondern vor allem ein Problem der Mitarbeiterbindung. Es geht nicht mehr darum, jemanden zu finden, der bereit ist, im Hotel zu arbeiten, sondern darum, herauszufinden, wie man diejenigen, die bereits dort sind, zum Bleiben überreden kann.

Das Ende des Opfermythos

Jahrzehntelang lebte die Branche von einem Mythos: dem der Aufopferung als Beweis von Leidenschaft. Endlose Schichten, schlaflose Nächte, zwölf oder vierzehn Stunden lange Tage galten als Preis für die Zugehörigkeit zu einer als „besonders“ wahrgenommenen Welt. Die Pandemie hat diese Erzählung zerstört. Sie hat gezeigt, dass ein anderes Leben möglich ist, Zeit für sich selbst und die Familie zu haben, ein Leben aufzubauen, das nicht vollständig von der Arbeit vereinnahmt wird. Wer diese Möglichkeit erfahren hat, will sie nie wieder aufgeben.

Die eigentliche Knappheit: die Bereitschaft zu bleiben

Die wahre knappe Ressource ist daher nicht Humankapital im abstrakten Sinne, sondern die Bereitschaft der Menschen, sich einem Sektor zu widmen, der scheinbar alles fordert und zu wenig zurückgibt. Wenn das System weiterhin die Vorstellung verbreitet, dass „Menschen fehlen“, ohne zu hinterfragen, warum sie den Sektor verlassen, kann die Zukunft nur eine Abwärtsspirale sein.

Technologie als Hebel für Transformation

Die Diskussion muss sich ändern. Es reicht nicht, sich über die Abwanderung von Arbeitskräften zu beklagen; wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie bleiben. Und genau hier kommt die Technologie ins Spiel – nicht als Bedrohung, nicht als Ersatz, nicht als Maschine, die den Menschen ersetzt. Das ist die vergiftete Erzählung, die von oberflächlichen Medien und ängstlichen Managern geschürt wird. Die Wahrheit ist: Gut konzipierte Technologie verdrängt nicht die Menschlichkeit. Sie zerstört nicht das Gastgewerbe, sondern vielmehr Verschwendung, Ineffizienz und die alltäglichen kleinen Verletzungen, die Menschen ihren Beruf verabscheuen lassen.

Die betrieblichen Auswirkungen von Daten

Die mit Hoxell gesammelten Daten belegen es. Dort, wo das System implementiert wurde, sanken die internen Anrufe um 75 Prozent, der Papierverbrauch ist komplett verschwunden, der Abfall beim Frühstück ging um 15 Prozent zurück und allein beim Zählen der Wäsche wurde täglich eine Stunde Arbeitszeit eingespart. Störungen werden häufiger gemeldet und schneller behoben, Gästebeschwerden gingen um 30 Prozent zurück und die Reinigungszeiten pro Zimmer verkürzten sich um 20 Prozent. Diese Zahlen sprechen für sich: Die Arbeit wird leichter, überschaubarer und weniger belastend.

Die Zeit kehrte in die Beziehung zurück

Jede Minute, die von monotonen Aufgaben wegfällt, ist eine Minute, die der Beziehung zum Gast, der Freude an der Arbeit und dem wahren Wesen der Gastfreundschaft gewidmet ist. Technologie muss als digitaler Mitarbeiter verstanden werden, nicht als kaltes Digitalisierungswerkzeug, sondern als ein Kollege, der unterstützt, hilft und die Belastung verringert. In einem Markt, in dem die Löhne durch Tarifverträge und geringe Gewinnspannen begrenzt sind, wird der entscheidende Unterschied nicht mehr (nur) im Gehalt liegen, sondern in der garantierten Arbeitsqualität.

Arbeit als Wettbewerbsfaktor

Rezeptionisten, Zimmermädchen oder Köche wählen ihren Arbeitsplatz nicht mehr allein nach dem Gehalt; sie bevorzugen das Hotel, das ihnen die besten Arbeitsbedingungen bietet. In Zukunft wird es nicht ungewöhnlich sein, in Vorstellungsgesprächen Fragen wie „Welche digitalen Tools nutzen Sie zur Unterstützung Ihrer Mitarbeiter?“ zu hören. Nicht mehr das Unternehmen wählt den Kandidaten aus, sondern der Kandidat wählt das Unternehmen anhand des technologischen Angebots, das seine Arbeit angenehmer gestaltet. Technologie wird zu einem Unternehmensvorteil, einem greifbaren Zeichen dafür, dass das Unternehmen in das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter investiert, nicht nur in den Gewinn.

Über die oberflächliche Digitalisierung hinaus

Dieser Wandel hat weitreichende Konsequenzen. Digitalisierung darf nicht einfach als Übertragung alter, papierbasierter Prozesse auf den Bildschirm verstanden werden. Es geht nicht um Replikation, sondern um Neuerfindung. Es geht nicht um Ersetzung, sondern um Unterstützung. Es geht nicht um Kostensenkung, sondern um Talentbindung. Mittelmäßigkeit hat keine Zukunft, denn Arbeitnehmer, die alles für einen Job tun würden, werden immer seltener, und die Besten werden das Unternehmen verlassen, wenn sie nicht die Möglichkeit erhalten, sich zu entfalten. Diejenige Gastfreundschaft, die sich durchsetzen wird, ist diejenige, die Werkzeuge bietet, welche die Qualität der täglichen Arbeit steigern, die Work-Life-Balance und sogar die Work-Life-Balance verbessern – also die intrinsische Qualität der Arbeit selbst.

Technologie und Menschheit

Das Paradoxe ist, dass dieser Wandel keine Bedrohung für die Menschheit darstellt, sondern ihre Rettung. Wie Stefano Moriggi und Gianluca Nicoletti schreiben, entmenschlicht uns Technologie nicht; im Gegenteil, sie humanisiert uns, indem sie uns von erdrückenden Aufgaben befreit und uns Zeit und Energie für das zurückgibt, was wirklich zählt. Diejenigen, die im Gastgewerbe arbeiten, wollen nicht ersetzt, sondern unterstützt werden. Sie erwarten nicht, dass Technologie sie ersetzt, sondern dass sie sie von Wertlosem befreit und so Raum schafft für das, was keine Maschine je leisten kann: Gastfreundschaft, Zuhören, Verstehen, das Schaffen von Erlebnissen.

Ein notwendiger Paradigmenwechsel

Wenn die Branche 2023, 2024 und 2025 obsessiv über Arbeitskräftemangel sprach, muss 2026 einen Paradigmenwechsel markieren. Die eigentliche Frage ist nicht mehr, wer fehlt, sondern wer bleibt. Es geht nicht mehr um die Anzahl der Mitarbeiter, sondern um ihre Qualifikation und ihre Fähigkeit, langfristig durchzuhalten.

Die Zukunft des Gastgewerbes hängt davon ab, Mitarbeiter zu halten, nicht nur neue zu gewinnen. Sie hängt davon ab, zu verstehen, dass Technologie keine Kosten, sondern eine Investition in Humankapital ist. Sie hängt vom Mut ab, die Rhetorik des Opfers aufzugeben und stattdessen auf Ausgewogenheit zu setzen.

Nur dann können wir wirklich sagen: Die Automatisierung hat das Gastgewerbe nicht getötet. Sie hat lediglich die Mittelmäßigkeit verdrängt.

Davide Bernasconi

 

 

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